Was können Volkswirtschaften und Märkte aushalten? Die Weltwirtschaft zeigt sich bislang robust, gestützt durch Investitionen in künstliche Intelligenz und strategische Autonomie. In der zweiten Jahreshälfte wird sich zeigen, in welchem Umfang Volkswirtschaften, politische Entscheidungsträger und Märkte Schocks verkraften können. Das Wachstum wird ungleichmäßig verlaufen, und die Inflation kann Schwankungen unterliegen, während politische Risiken an Bedeutung gewinnen. Begrenzter finanzpolitischer Spielraum und steigende Ausgaben lassen verstärkte Zinsvolatilität erwarten.
Basisszenario: Fragile Deeskalation bei zunehmender Verbreitung von KI. Wir erwarten eine fragile Deeskalation in der Straße von Hormus und Ölpreise von rund 80 bis 90 US-Dollar pro Barrel bis zum Jahresende. Eine schrittweise Neubewertung wird der Weltwirtschaft dabei helfen, eine Rezession zu vermeiden. Infolgedessen haben wir die meisten unserer Wachstumsprognosen nach unten korrigiert. Angesichts geopolitischer Risiken und einer Inflation über der Zielmarke könnten sich die Zentralbanken stärker auf die Beherrschung der Inflation konzentrieren als auf die Stützung der Wirtschaft. Wir erwarten, dass die Federal Reserve und die wichtigsten Zentralbanken der Schwellenländer ihre Zinsen unverändert lassen, während die EZB, die Bank of England und Bank of Japan bis zum Jahresende jeweils eine Zinserhöhung vornehmen dürften.
Unser Negativszenario geht von einem makroökonomischen und finanziellen Schock aus, der entweder auf ein Scheitern des Nahost-Abkommens oder auf eine scharfe Marktkorrektur im KI-Sektor zurückzuführen ist und mit erneutem Inflationsdruck und Rezessionsrisiko einhergeht. Ein Positivszenario sieht eine eindeutige und glaubwürdige Wiederöffnung der Meerenge vor, die neben Desinflation und steigendem Verbraucher- und Anlegervertrauen eine positive Ausweitung des KI-Zyklus bewirkt.
Monica Defend, Leiterin des Amundi Investment Institute, sagt: „Anlegerinnen und Anleger erleben eine Welt, in der die Unabhängigkeit der Zentralbanken auf die Probe gestellt wird, die Inflation stärker schwankt und Konzentrationsrisiken zunehmen. Die besten Portfolios für dieses neue Umfeld können unterschiedlichen Szenarien standhalten: Sie müssen über verschiedene Währungen diversifizieren, in Sachwerte und Gold investieren und Aktiensektoren sowie strukturelle Themen diszipliniert erschließen.“
Vincent Mortier, Group CIO von Amundi, ergänzt: „Der Fokus der KI-Entwicklung verlagert sich von der Frage, wer neue Grenzen erreichen kann, hin zur Frage, wer sie skalieren kann. Die Geldanlage muss deshalb die gesamte Wertschöpfungskette einbeziehen und durch Diversifizierung technologische, geopolitische und physische Risiken minimieren.“
Auswirkungen auf die Geldanlage: Selektive Risikoauswahl für langfristige Portfolios
Wir plädieren für eine selektive Neuverteilung von Risiken anstelle eines defensiven Rückzugs. Geopolitik, Inflation und Konzentrationsrisiken beherrschen Märkte und politische Entscheidungen. Portfolios sollten darauf reagieren. Sie sollten auf Carry, robuste Gewinne, Preissetzungsmacht, Liquidität, Diversifizierung und ein Engagement in langfristige Wachstumsgeschichten setzen, die strategische Autonomie, geopolitische Neuausrichtung sowie den Einsatz von KI in der physischen Welt einbeziehen.
- Anpassung an den „Rendite-Reset“ bei festverzinslichen Wertpapieren – Anleihen bieten attraktive Erträge, doch Inflations- und fiskalische Risiken stellen ihre Rolle als Absicherung in Frage. Wir bevorzugen Flexibilität über Regionen hinweg mit einem Schwerpunkt auf Europa, inflationsgebundene Anleihen sowie Unternehmen mit soliden Bilanzen und hochwertigem Carry bei Investment-Grade-Anleihen.
- Bei Aktien auf Breite setzen und Konzentration vermeiden – An den Aktienmärkten ist eine stärkere Auswahl über Sektoren und Länder hinweg zentral. KI ist nicht mehr nur ein Thema der Technologiebranche. Die Chancen verlagern sich entlang der Wertschöpfungskette in die physische Welt: Energie, Infrastruktur, Hardware, Software, Robotik und weitere Anwendungen. Längerfristig erwarten wir in Europa eine Belebung der Investitionsausgaben, angetrieben durch den Fokus auf strategische Autonomie in den Bereichen Verteidigung, Energie, Infrastruktur und KI. Europa wird davon profitieren, da Anleger nach Chancen jenseits des US-Dollars suchen. Auch japanische Aktien werden durch langfristige Faktoren gestützt.
- Schwellenländer bieten selektive Chancen und dürften ebenfalls von einer Kapitalrotation profitieren. Generell schätzen wir Schwellenländeranleihen, bevorzugen Rohstoffexporteure und suchen nach technologiegetriebenen Chancen in Asien. Wir stehen China neutral gegenüber und sehen Indien positiv, da das strukturelle Wachstumspotenzial des Landes trotz einer Anfälligkeit gegenüber dem Ölschock intakt bleibt.
- Das Hedging sollte neu ausgerichtet werden, da traditionelle Korrelationen möglicherweise nicht mehr gelten. Dies erfordert eine stärkere Rolle von Realwerten (Infrastruktur und Private Debt), Gold, Rohstoffen und ausgewählten Währungen. Der Dollar dürfte gegenüber den meisten Währungen, insbesondere den rohstoffgebundenen, unterdurchschnittlich abschneiden und seinen Abwärtstrend langfristig fortsetzen.
Den ganzen Mid Year Outlook – in englischer Sprache – finden Sie hier https://research-center.amundi.com/article/2026-mid-year-outlook *
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